Johann Joachim Winckelmann (1717-1768)

Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaften.

Der in Stendal/Altmark geborene Winckelmann besuchte vom Frühjahr 1735 bis zum Herbst 1736 die Cöllnische Lateinschule am Petriplatz (heute Berlin Mitte). Nach dem Studium in Halle und Jena war er zunächst als Privatlehrer tätig, bevor er Konrektor in Seehausen/Altmark wurde. Zwar fühlte sich Winckelmann zum Pädagogen berufen, aber das Lehrerdasein in Preußen brachte ihm nicht die erhoffte Erfüllung. Im Alter von 30 Jahren musste er feststellen, dass er sich ohne Protektion und ohne finanzielle Mittel in einem Teufelskreis drehte.

Im Juni 1748 bewarb er sich um die Bibliothekarsstelle auf Schloss Nöthnitz bei Dresden. Der Name Heinrich Graf von Bünau - Besitzer einer mehr als 40.000 Bände umfassenden Universalbibliothek und Verfasser der Teutschen Kayser- und Reichs-Historie - war Winckelmann bereits geläufig. Auch er wünschte nichts sehnlicher, als der Wissenschaft zu dienen. Als zweiter Gehilfe arbeitete er zunächst an Bünaus Reichshistorie. Anleitung gab der Bibliothekar Johann Michael Francke, der selbst an dem neuartigen Catalogus Bibliothecae Bunavianae arbeitete. Bei ihm erwarb Winckelmann wichtige Fertigkeiten im Umgang mit historischen Quellen und Dokumenten. Bald galt er selbst als sachkundiger Gesprächspartner und führte Gäste durch die Salons der Bibliothek. Ein Besuch in Potsdam weckte den Wunsch von einem Aufenthalt in Rom. Dieser Wunsch wurde genährt durch den in Dresden akkreditierten päpstlichen Botschafter Alberico Archinto. Bedingung war die Konversion Winckelmanns zum katholischen Glauben. Schließlich wurde am 11. Juli 1754 der „kühnste Schritt", den er je in seinem Leben getan hatte, vollzogen.

 Um die Wartezeit bis zur Abreise nach Rom zu überbrücken, zog Winckelmann nach Dresden um. Im Frühjahr 1755 wechselte er mit der Familie des Malers Adam Friedrich Oeser auf die rechtselbische Seite. Als Pensionär Oesers bezog er eine Stube in der heutigen Königstraße 10. Im gleichen Jahr erschien seine epochale Erstschrift Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst (1755). Drei antike Gewandstatuen - die sogenannten drei Herkulanerinnen - wurden zum Schlüsselerlebnis für Winckelmanns Formel von „edler Einfalt und stiller Größe". Er war auch der Erste, der Raffaels Sixtinische Madonna beschrieb.

Am 18. November 1755 erreichte der Pensionär die Ewige Stadt. Der Maler Anton Raphael Mengs wurde in Rom, was ihm Oeser in Dresden bedeutete. Aber nicht Gemälde, sondern Antiken standen nun im Mittelpunkt des Interesses. Winckelmanns Manuskripte verdeutlichen, wieviel Wert er auf das Studium historischer Quellen, das Prüfen der Antiken auf originale und ergänzte Teile legte. Sein Ziel war, seine These vom griechischen Ursprung der Kunstwerke zu beweisen. Nach seiner zweiten von vier Reisen an den Golf von Neapel entstand das Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen (1762), zwei Jahre später vollendete er die Geschichte der Kunst des Alterthums (1764). Winckelmann gilt als Begründer der klassischen Archäologie und der neueren Kunstwissenschaften. Friedrich II. hätte ihn gern in Berlin gesehen. Er war aber auch Wegbereiter der Weimarer Klassik. 1805 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe seine Aufsatzsammlung Winckelmann und sein Jahrhundert.

Winckelmanns Beispiel beweist, dass ein Vorhaben nur mit Enthusiasmus zum Erfolg geführt werden kann. Die beiden Federn, die er zu führen verstand - die kämpferische Vitalität und die poetische Bildlichkeit seiner Sprache - sind noch immer das offene Geheimnis wirkungsvoller Polemik!

Autor: Klaus-Werner Haupt