Die Heimkehr des Blutsaugers

Es ist Samstag, der 26. November 1921. Morgen ist der 1. Advent. Der Mann erkennt es an dem Kranz aus Tannenzweigen, der auf dem Tresen des Lokals steht, das er soeben betritt. Das Gesteck mit den vier Kerzen erinnert ihn daran, dass es auf Weihnachten zugeht. Bisher hat er keinen Gedanken daran verschwendet. Die Gastwirtschaft ist etwa zur Hälfte gefüllt, dem Anschein nach sind die meisten Gäste Arbeiter, die auf ein Feierabendbier vor dem ungemütlichen Nieselwetter geflohen sind.

An einem der Tische sitzen wohl Feuerwehrleute, ihre laute Unterhaltung lässt darauf schließen. Sie sitzen öfter hier beim Bier oder auch bei einer Fassbrause, je nachdem, wer sich von ihnen bereithalten muss, falls die Sirene zu einem Einsatz ruft. Die Feuerwache befindet sich um die Ecke. Der noch nicht einmal zwei Jahre alte Neubau ist der ganze Stolz der Männer, vor allem des Schankwirts, denn Franz Tolinski ist nicht nur Wirt, sondern auch Brandmeister der Johannisthaler Feuerwehr. Zwischen dem Spritzenhaus in der Johannes-Werner-Straße und der Kneipe an der Ecke Friedrich-/Roonstraße* spielt sich sein Leben ab, mit dem er alles in allem zufrieden ist. Denn er ist bekannt wie ein bunter Hund, seit er aus seinem "Flieger-Heim" ein "Aviatisches Museum" gemacht hat. Er sammelt, was er findet und man ihm schenkt, ist besonders scharf auf Trümmer und alles, was irgendwie zu Bruch gegangen ist. So heißt seine Sammlung treffend "Reliquien aus verhängnisvollen Aeroplan- und Ballonkatastrophen". Seit der Krieg zu Ende ist, geht der Zuwachs an Ausstellungsstücken zurück, denn es starten keine Flugzeuge mehr in Johannisthal. Also stürzen auch keine mehr ab.
* heute: Winckelmann-/Ecke Haeckelstraße

Die Kundschaft im Flieger-Heim hat sich verändert. Statt Piloten und Flugzeugmechanikern gehen nun andere Paradiesvögel ein und aus, Leute vom Film. Aus Flugzeugwerften sind Ateliers geworden, die Jofa schickt sich an, eine der größten Filmproduktionsfirmen zu werden. Der Mann, der nicht zu den Stammgästen gehört, hat inzwischen Hut und Mantel an einen Haken gehängt und sich einen Platz an einem freien Tisch abseits in der Ecke gesucht. Er bestellt ein Bier und einen Korn. Den Schnaps braucht er heute, ihm ist kalt, außerdem hofft er, mit dem Hochprozentigen seine Erschöpfung zu bekämpfen. Er nimmt sich die "Vossische Zeitung", überblättert die ersten Seiten, liest etwas weiter hinten belustigt die Polemik eines Professors, der unter dem Titel "Vom Hellsehen" seinem Unmut über die okkultistische Welle Luft macht, die in Berlin umgeht. Sodann erfährt der Mann, dass an den großen Bühnen in Wien die Schauspieler für höhere Gagen streiken, was er mit Anteilnahme registriert. Schließlich blättert er sich bis zur letzten Seite der Zeitung durch und überlegt, die Spielpläne musternd, ob er heute noch ins Theater gehen soll. Er schwankt ein wenig zwischen dem Berliner Theater, wo "Prinzessin Olala" mit Fritzi Massary und Ralph Arthur Roberts gegeben wird, und dem Deutschen Theater, das "Louis Ferdinand Prinz von Preußen" mit Paul Hartmann und Werner Krauß zeigt.

Letzten Endes lässt der Mann die Entscheidung offen, bestellt noch eine zweite Runde Bier und Korn, trinkt in Ruhe aus und verlässt das Lokal. Keiner der anderen Gäste hat ihn so richtig wahrgenommen, allenfalls gab es bei seinem Eintreten einen flüchtigen Blick, wie er üblich ist, wenn jemand hereinkommt, den man hier sonst nicht sieht. Der Mann ist auch nicht besonders auffällig, könnte ein Buchhalter sein oder so, jedenfalls einer, der mit Anzug, Krawatte, Hut und Mantel sein Tagwerk eher in einem Büro verrichtet als in einer Fabrik. Niemand weiß also, dass dieser unauffällige Mann in diesen Tagen damit beschäftigt ist, die Hauptrolle in einem Film zu spielen, der noch Jahrzehnte später als Quantensprung der Kinematographie bezeichnet werden soll. Erst recht können Franz Tolinski und seine wackeren Johannisthaler Feuerwehrleute am Stammtisch nicht ahnen, dass ihnen gerade ein Monster begegnet ist. Denn der unscheinbare Mann ist Max Schreck, der Darsteller des Grafen Orlok, des Vampirs aus dem Film "Nosferatu", dessen Studioaufnahmen unter der Regie von Friedrich Wilhelm Murnau im benachbarten Jofa-Atelier fast abgedreht sind.

Keine einhundert Tage später hat der Horrorfilm Premiere. Am 4. März 1922 wird in den Marmorsaal des Zoologischen Gartens Berlin zu einem großen Gesellschaftsabend unter dem Motto "Das Fest des Nosferatu" eingeladen. Die Besucher sind gleichermaßen begierig wie begeistert, denn alles Okkulte, Mystische, Paranormale erlebt gerade eine Hochkultur. Nach einem theatralischen Prolog läuft der Film mit der von Hans Erdmann geschaffenen Musik; der Komponist selbst dirigiert das Orchester. Ein Kostümball verlängert den Premierenabend bis in die tiefe Nacht. Am 15. März startet "Nosferatu" in den Lichtspielhäusern.

Überwiegend zustimmend bis euphorisch sogar sind die Kritiker, wenngleich es auch vereinzelte negative Bewertungen gibt. Dennoch wird Regisseur Murnau mit einem Schlag berühmt, Max Schrecks Nosferatu-Visage jagt dem Publikum ebenso kalte Schauer über den Rücken wie wimmelnde Ratten, eine Hyäne im Werwolf-Stil, ein nesselnder Polyp und eine fleischfressende Venusfliegenfalle. Filmtheoretiker charakterisieren "Nosferatu" als Sensation, die angesehene "Vossische Zeitung" spricht von einem neuen eigenen Filmstil. Allen Lobeshymnen zum Trotz wird der Film ein ökonomischer Reinfall für die Produktionsfirma "Prana-Film". Die UFA weigert sich, "Nosferatu" in ihren Kinos zu zeigen. So läuft er nur in wenigen kleinen Häusern. Das Kapital ist schnell verbraucht für die erste – und wie sich schnell herausstellt: einzige und letzte – Produktion der "Prana". Kein halbes Jahr vergeht bis zur Eröffnung des Konkursverfahrens, der Film wird gepfändet.

Noch größeres Ungemach droht aus England. Dort hat die Witwe des Autors Bram Stoker, der mit seinem Roman "Dracula" die literarische Vorlage für "Nosferatu" geschaffen hatte, auf Urheberrechtsverletzung geklagt. Im Juli 1925 entscheidet ein Gericht letztinstanzlich, dass alle Kopien von "Nosferatu" zu vernichten seien. Dies gelingt zum Glück nicht. Außerhalb Deutschlands existieren bereits Versionen, die sich in Einzelheiten zwar von der ursprünglichen Fassung unterscheiden, aber für die Folgezeit zur Grundlage der Rekonstruktion werden, die heute von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in digitalisierter Fassung verliehen wird.

In Filmtheatern der ganzen Welt, bei Festivals und auf TV-Kanälen ist "Nosferatu" heute immer wieder zu sehen. Und der blutrünstige Graf Orlok in der Darstellung von Max Schreck fasziniert unablässig das Publikum, kein anderer Schauspieler in den vielen späteren Adaptionen des Stoffes ist so glaubwürdig. Ein Mensch wie ein Insekt, Finger wie Spinnenbein, Ohren einer Fledermaus – wahrlich eine "Symphonie des Grauens", wie es im Untertitel des Films treffend heißt.

Selbstverständlich ist das Scheusal in all den Jahrzehnten seines Daseins als ruheloser Untoter auch an seinen Geburtsort zurückgekehrt. Zum letzten Mal bislang im Juni 2013. Die Anziehungskraft der über neunzig Jahre alten Bilder ist ungebrochen. Und dazu avantgardistische Musik, ein live eingespielter Sound, der so ganz und gar in die heutige Zeit passt. Shed ist Produzent und DJ von elektronischer Musik, geschätzt in der internationalen Szene als einer der meinungsstärksten Vertreter seiner Zunft. Er vermag dem stummen Vampir völlig neue Töne zu entlocken. Hernach treibt Nosferatu sein Grauen erregendes Unwesen gar in einem der berühmtesten Klubs der Welt, im BERGHAIN. Am 27. November 2013, beinahe genau auf den Tag 92 Jahre, nachdem Max Schreck auf zwei Bier und zwei Kurze im Johannisthaler "Flieger-Heim" einkehrte. (Na ja, vielleicht ist er auch niemals dort gewesen...)

Autor: Harry Mehner, http://harry-mehner.de